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Erstellt am 28 Jun 2021 | zuletzt bearbeitet vor 11 Monaten von Steffen

Das Loewe-Opta Bella 2710W wurde 1957/58 gebaut. Es hat 6 Kreise AM und 10 FM.

  • Hersteller: Loewe Opta
  • Typ: Bella 2710W
  • Baujahr: 1957/58
  • Empfangsprinzip: Superhet
  • Wellenbereiche: LW, MW, UKW
  • Spannungsarten: Wechselspannung
  • Zustand Gehäuse: restauriert, sehr gut
  • Zustand Technik: revidiert, funktioniert

http://www.radiomuseum-bocket.de/wiki/index.php/Loewe_Opta_Bella_2710W

https://radio-bastler.de/forum/showthread.php?tid=17117

Lest dazu auch meinen Beitrag im Blog. Vielen dank an Corrien Maas für den wunderbaren Stoff! Je kunt mijn bericht ook op de blog lezen.

Ich habe das Ergebnis der Restauration ausnahmsweise vorweggenommen. Der Weg dahin war lang. Aber lest und seht selbst!

Zustand bei Lieferung

So viel Schmutz auf einem Haufen habe ich selten gesehen… Aber seht selbst:

Technisch ist es in einem eher schlechten Zustand:

  • Sicherung überbrückt (Mann oh Mann, BTW: Das kann böse enden!)
  • EL84 kaputt (wahrscheinlich mit Sicherheit ein Transportschaden)
  • Netztransformator nicht richtig befestigt (beim Wechseln des Netzkabels wurde hier auf das echt schwierige Befestigen verzichtet)
  • Draht einer der Spulen am Ferritkern abgerissen (ich war es nicht…)
  • Drehkondensator schwergängig (typischer Fehler)
  • Kondensatoren sind vermutlich alle platt (nach mehr als 60 Jahren in Ordnung)

Beim anschließenden Testlauf ist mir ein Drahtwiderstand (R 38, 70 Ω, 2 W) abgefackelt (im wahrsten Sinne des Wortes, es gab tatsächlich eine Flamme). Mal schauen, was da los ist.

Reinigung des Bella 2710W

Am eindrucksvollsten sind die Vorher-Nachher-Bilder:

Der Unterschied beim gesamten Chassis ist gewaltig…

Reparaturarbeiten am Bella 2710W

  • EL84 neu
  • Drähtchen angelötet
  • Widerstand R 38 ersetzt

Der R 38 hat 70 Ω. Heute gängige Größen sind 68, 100 150, … Ω. 68 Ω erschien mir zu wenig. Also habe ich zwei 150er parallel geschaltet, was zu resultierenden 75 Ω führt. Das sind 5 Ω zuviel, aber da die Netzspannung mittlerweile auch höher ist als 220 V, sollte das passen.

Im Dauertest zeigt sich, dass der (die ?) R 38 gut warm werden. Ich habe statt der 2-W-Variante die mit 3 W genommen. Wer weiß, wozu das gut war. Durch die Parallelschaltung steigt die Belastbarkeit sogar auf 6 W.

Übrigens sind die dünnen Drähte am Ferritstab, im Wellenschalter oder an anderen Stellen der Grund dafür, dass man beim Reinigen des Chassis vorsichtig und vor allem umsichtig vorgehen muss. Ich empfehle, viele Detailfotos zu machen, das hat mir hinterher schon öfter geholfen, gelöste Bauteile oder Drähte an der richtigen Stelle wieder anzulöten.

Beim Betrachten des Schaltplanes ist mir gerade aufgefallen, dass der Trafo keine vollständige galvanische Trennung vom Netz herstellt. C70 sowie Sieb- und Ladeelko (C 67 und 68) filtern den Gleichspannungsanteil, aber galvanische Trennung sieht anders aus. Es sieht ganz danach aus, dass der Einsatz von Röhren für die Gleichrichtung die galvanische Trennung „verhindert“. Jedenfalls ist mir aufgefallen, dass bei vielen dieser Radios mind. eine Seite der Stromversorgung durchgereicht wird.
Anm. am Rande: Bei den Allstromradios geht es technisch gar nicht anders. Da ist besondere Vorsicht geboten.

Bella 2710W
C70 siebt den Gleichspannungsanteil heraus, aber galvanische Trennung sieht anders aus…

Kondensatortausch

Bei einem Radio dieses Alters ist der Tausch der Kondensatoren (besonders der ERO100 und der Elkos) obligatorisch.

Das war eine Fummelei. Ich hatte noch nie ein Radio, bei dem ich zum Wechseln der Kondis

  • den Ausgangsübertrager demontieren
  • mehrere andere Bauelemente ablöten

musste, um an die Lötstellen zu gelangen. Nach längerer Zeit kam (endlich wieder ?) mein Chassishalter zum Einsatz. Sieb- und Ladeelko habe ich mit neuen Exemplaren ersetzt und beide unter die originale Halterung geklemmt. Da der Minusanschluss deren Elkos zu kurz war, kam ein Stück Kabel zum Einsatz (grau, verdrillt, zweifach wegen des höheren Querschnittes), um Minus mit Masse zu verbinden.

Die Ausbeute kann sich sehen lassen. Links stehen die aufgedruckten, rechts die Ist-Werte. Da muss man kein Fachmann sein, um zu erkennen, wie essentiell der Tausch der Kondensatoren ist. Ohne es geprüft zu haben, kann ich mir vorstellen, dass einige auch ohmsche Widerstände haben. Das könnte beispielsweise die Ursache für das „Abfackeln“ von R 38 sein. Sobald ein Kondensator einen ohmschen Widerstand hat, fließt durch ihn (unerlaubt) (Gleich-)Strom. Das kann an den Widerständen im gleichen Stromkreis zu Problemen führen, da deren Belastbarkeit für so hohe resultierende Stromstärken nicht ausgelegt ist. Außerdem können sich die Kondensatoren selbst stark erhitzen. Im „günstigsten“ Fall schmilzt nur der Teer…

Nachtrag zum R 38: Über C 70 und C 68 schließt sich der Stromkreis gegen Masse. Falls einer der Kondensatoren oder beide ohmsche Anteile hatten, war die resultierende Stromstärke durch R 38 einfach zu hoch. Laut Schaltbild ist er für 2 W und damit für 9 mA ausgelegt.

Daher auch hier noch einmal meine Warnung, unbekannte Radios einfach mal zur Probe einzuschalten.

Inbetriebnahme

Noch auf dem Gestell für das Chassis habe ich das Bella 2710W in Betrieb genommen. Alles funktioniert tadellos, fast alles… Das Lautstärkepotentiometer kratzt. Also war reinigen angesagt. Bei der Gelegenheit habe ich gleich die Wellenschalter mit gesäubert.

Bella 2710W auf dem Gestell für Chassis

Um den Nutzwert des Bella 2710W zu erhöhen, habe ich ein Bluetooth-Modul installiert. Dazu habe ich eine Verbindung zum TA-Anschluss hergestellt. Die Stromversorgung (Netzspannung) habe ich an der Sicherung gegen Erde abgegriffen. So wird das Modul mit dem Einschalten des Radios aktiviert. Unter dem Modul (siehe Bild 2) sitzt ein kleines 5-V-Netzteil. Dazu habe ich ein Steckernetzteil (Bild 1) geöffnet und die passenden Kabel an die Platine angelötet. Optional besteht natürlich auch die Möglichkeit, die 6,3-V-Spannungsversorgung der Röhren zu nutzen.

Überarbeitung des Gehäuses

Das Gehäuse ist (was leider häufiger bei diesen Modellen so ist) in einem miserablen Zustand. Der Lack muss samt Beize ab. Dabei muss ich sehr vorsichtig vorgehen, da die Furnierschicht sehr dünn ist.

Manche empfehlen Ziehklingen oder die Chemiekeule. Mit ersterem habe ich keine Erfahrung, mit Abbeize komme ich nicht zurecht. Also bleibt mir nur das Schleifen.

Der Lack ist ab… Die Beize (Nussbaum) ist aufgebracht. Außerdem habe ich den Kunststoffrahmen in elfenbein hochglanz-lackiert. Sieht beides echt toll aus ?!

Jetzt benötigte ich noch einen sauberen Stoff für die Schallwand. Lackiert wird das Gehäuse ebenfalls noch.

Der Lack ist mittlerweile drauf:

Vor der letzten Lack-Schicht gehe ich einmal ganz vorsichtig mit 600er Schleifpapier über die Flächen. Der Unterschied ist sehr deutlich fühlbar!

Die Instandsetzung des Schriftzuges war echt aufwändig:

  • alten Lack abschleifen
  • Grundierung
  • erneut schleifen
  • braun lackieren
  • Schriftzug mit 600er “freilegen”
  • alles mit Zaponlack versiegeln

Der Stoff für die Schallwand ist von Corrien Maas aus den Niederlanden.

2710W
schön neu

Das Kreppband hat hier eine Doppelfunktion:

  • Verhindern des Ausfransens an den Rändern
  • bessere Bearbeitung beim Abschneiden

Ich fixiere den Stoff mit Holzleim. An den (nachher nicht mehr sichtbaren) Kanten trage ich so viel Leim auf, dass der Stoff durchtränkt wird. Auf den Flächen wird der Holzleim sehr dünn aufgetragen, da er nur ein wenig für Haftung sorgen muss.

Die Messing-Zierleiste unterhalb der Bespannung lässt sich nicht mehr aufpolieren – dachte ich jedenfalls. Nach dem Einsatz eines Putzschwamms in Kombination mit Metallpolitur sah die Leiste wie neu aus. Um erneutes Anlaufen zu verhindern, habe ich sie mit Zapon-Lack versiegelt.

Nach vielen Arbeitsschritten ist das Radio nun komplett restauriert. Einige kleine Schönheitsfehler bleiben (Verschmorung und kleiner Riss am Kunststoffrahmen). Aber wer nach mehr als 60 Jahren ein “Neugerät” erwartet, der sollte sich fragen, warum unsere aktuellen Smartphones nach spätestens 10 Jahren unreparierbar kaputt sind…

Kostenkalkulation

  • Einkauf: 30,00 € inkl. Versand
  • Kondensatoren: 2,00 € (gerundet)
  • Stoff: 11,00 € inkl. Versandanteil
  • Farben, Lacke, Beize: 10,00 € (gerundet)

Der reine Materialwert beläuft sich somit auf 54 €. Hinzu kommt die Arbeitszeit. Ich habe alles in allem ca. 15 Stunden investiert. Ich würde pro Stunde 10,00 € kalkulieren, was wirklich tief gestapelt ist.

Summa summarum belauft sich der (imaginäre) Verkaufswert damit auf ca. 200,00 €. Diesen Preis kann ich mutmaßlich nicht erzielen. Ich schätze, dass es Käufer gibt, die bereit wären, 70,00 € – 80,00 € zu bezahlen.

Aber vielleicht will ich es ja gar nicht verkaufen… ?

Fazit

Die Ausgangssituation war desaströs. Sowohl technisch as auch optisch gab es einiges zu tun.

Die technische Instandsetzung war Standard. Die Fehler und Reparaturen, die hier auftraten, sind nicht untypisch für diese Art von Radios.

Die optische Aufbereitung war eine Riesen-Herausforderung. Die Aussage des Verkäufers (“Muss nur gereinigt werden.”) ist faktisch richtig, aber dennoch die Untertreibung des Jahres!

Es hat trotz der vielen Stunden Arbeit Spaß gemacht. …und das ist doch das Wichtigste, oder?

Zum Schluss noch ein kleines Video, das UKW und Bluetooth demonstriert.

Schaltplan des Bella 2710W

Diesmal kommt neben dem Schaltplan auch der Stoff für die Schallwand aus den Niederlanden.

https://nvhrbiblio.nl/schema/LoeweOpta_2710W.pdf

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